Mit Frontloading schneller ans Ziel

STAUFEN MAGAZINE 2021 | No. 4 | Marquardt | Inspiration

THOMAS EPPLE
Automotive Director Program
Management Europe

Im Sport ist er verboten, doch in der Produktentwicklung hilft er: der Frühstart. Im Lean Development heißt das Frontloading und hilft bei der Verkürzung der Entwicklungszeit.

Elektronische Fahrzeugzugangssysteme – die Autoschlüssel von heute – sind hochkomplizierte Hightech-Produkte. Sie werden meist nur noch in der Jacken-, Hosen- oder Handtasche getragen. Der Fahrer läuft auf das Auto zu und kann es öffnen. Dann setzt er sich hinein, drückt den Startknopf und fährt los. Diesen Komfort bietet beispielsweise die aktuelle Generation der Mercedes-Benz-Schließsysteme, hergestellt vom Mechatronik-Unternehmen Marquardt mit Stammsitz in Rietheim-Weilheim.

Risikoreiche Angebotsphase

Ein solches Zugangssystem besteht aus zahlreichen Komponenten, unter anderem einem Steuergerät, dem eigentlichen Schlüssel und den Verriegelungssystemen der Türen. Diese Komponenten müssen genau und fehlerfrei zusammenspielen. Insgesamt muss ein solcher „Schlüssel“ einfach zu bedienen sein und Diebstahlsicherheit bieten. Außerdem muss er sich flexibel an das gesamte Portfolio eines OEMs anpassen. Wie in jedem Entwicklungsprojekt gilt die Grundregel: Wenn in einer späten Entwicklungsphase etwas geändert wird, hat das Rückwirkungen auf andere Komponenten der Hard- und Software.

Teile des Entwicklungszyklus müssen also erneut durchlaufen werden – eine teure Angelegenheit, die jedes Unternehmen vermeiden will. In der Praxis ist also die Angebotsphase besonders risikoreich, denn hier wird der Rahmen für die Produktentwicklung und der Aufbau des bestellten Geräts festgelegt, der später nicht oder nur noch bedingt veränderbar ist.

Zusammen mit der Staufen AG hat die Marquardt GmbH in einem Pilotprojekt ein Frontloading (siehe Kasten) entwickelt, um künftig noch bessere, sprich belastbarere Angebote abgeben zu können.

Die Entwicklung beginnt dabei schon in der Angebotsphase. Das bringt zwar ein gewisses Risiko mit sich, da kein Unternehmen jede Ausschreibung gewinnt. Doch in diesem Fall eignete sich das Projekt sehr gut dafür. „Ab einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Auftragserteilung ist Frontloading im Angebotsprozess der absolut richtige Ansatz“, betont Thomas Epple, Automotive Director Program Management Europe bei Marquardt.

FRONTLOADING

Frontloading ist im Lean Development Teil eines ganzheitlichen Entwicklungsansatzes, den wir unseren Kunden empfehlen. Dabei sammelt ein Hersteller bereits in der Planungsphase möglichst viele Daten und Informationen zum Produkt und verknüpft sie mit dem Erfahrungswissen aus den Fachbereichen. Zusätzlich integriert sich ein Lean Berater in das Team des Herstellers und bringt seine Expertise ein. Die Teammitglieder arbeiten für eine gewisse Zeit eng zusammen und entwickeln Lösungen für weitreichende Aufgaben, etwa für ein neues Produktdesign oder neue Marketing-, Vertriebs- und Produktionskonzepte. Für diese Aufgaben eignet sich das Frontloading-Konzept ganz besonders.

Effiziente Arbeit im Projektraum

Zudem konnte Marquardt durch das Frontloading-Pilotprojekt nicht nur seine Angebotserstellung optimieren, sondern dank der dort gemachten Erfahrungen auch den Produktentwicklungsprozess insgesamt verbessern. Denn Lean Development heißt nicht nur, möglichst schnell loszulegen. Es bedeutet auch, den Teams möglichst gute Rahmenbedingungen zu geben. Deshalb bildete Marquardt für das von der Daimler AG beauftragte Mercedes-Benz-Projekt schon in der ersten Planungsphase ein kleines, aber schlagkräftiges Team aus cross-funktional zusammengesetzten Ingenieuren sowie anderen Experten aus dem Unternehmen. Es bezog einen eigenen Projektraum, der für die Laufzeit des Projekts nur ihm gehörte und ungestörte Arbeit erlaubte. Zusätzlich gab es eine zeitliche Festlegung: Die Teammitglieder arbeiteten an jedem Werktag von neun bis elf Uhr gemeinsam im Teamraum an dem Entwicklungsprojekt. „Das fördert konzentriertes und effizientes Arbeiten“, sagt Dino Munk, Senior Partner bei der Staufen AG.

„Zudem müssen Projektmitarbeitende nicht jedes Mal aufs Neue Arbeitszeiten reservieren.“ In der Praxis hat diese räumliche und zeitliche Separierung große Vorteile gegenüber anderen Arbeitsweisen. Denn häufig sind die Mitarbeitenden zusätzlich in andere Projekte eingebunden oder haben Alltagsaufgaben zu erledigen. Durch die strikte zeitliche Festlegung fällt es leichter, gegenüber Vorgesetzten und Kollegen auf der Arbeit am Projekt zu beharren und andere Aufgaben erst später zu erledigen.

Auch der abschließbare und nur den Teammitgliedern zugängliche Projektraum stärkt die Effizienz, denn die Mitarbeitenden können hier immer wieder direkt die Arbeit fortsetzen. Doch natürlich gibt es den Projektraum auch virtuell. Dank der klaren zeitlichen Festlegung können – wie beispielsweise in Coronazeiten – digitale Tools den Projektraum recht gut ersetzen.

Auch die Kunden profitieren vom höheren Entwicklungstempo

„Im Lean Development haben bereits einfache Änderungen der Arbeitsweise einen großen Effekt“, erklärt Staufen Berater Munk. „Sie beseitigen Verschwendung, in diesem Fall von Zeit und Kraft der Mitarbeitenden.“ Auch beim Frontloading geht es genau darum. Zwar ist die Angebots- und Planungsphase aufwendiger als üblich. Doch allein durch das Vermeiden von späten und damit ineffizienten Änderungen wird der Aufwand in den späteren Projektphasen meist mehr als wieder hereingeholt. Diese Vorteile wissen auch die Marquardt-Kunden zu schätzen. „Daimler hat uns zurückgespiegelt, dass der Prozess auch aus Kundensicht sehr gut strukturiert und die Produktreife hoch war“, sagt Thomas Epple.

„Durch Frontloading war das Team immer Herr der Lage und vermied unnötige Klärungsschleifen.“ Auch im Alltagsbetrieb zeigen sich die Vorteile des Frontloadings sehr rasch. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit beschleunigt Projekte und sorgt bei den Vertriebsmitarbeitenden für eine Kundenkommunikation auf Augenhöhe. „Dank Frontloading können wir präzisere Angebote erstellen und gewonnene Entwicklungsprojekte schneller abschließen“, freut sich Marquardt-Manager Epple, „und das kommt eben nicht nur uns, sondern auch unseren Kunden zugute.“

„Ab einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Auftragserteilung ist Frontloading im Angebotsprozess der absolut richtige Ansatz.“

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