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Ein Gespräch mit Hui Zhang, Europa-Chef des chinesischen Elektroauto-Herstellers NIO

Nach jetzigem Stand gehört die automobile Zukunft dem E-Auto. Wo steht die chinesische Autoindustrie auf diesem Weg?

Die chinesische Autoindustrie nimmt in Bezug auf E-Mobilität eine Vorreiterrolle ein. Die Anzahl an Herstellern, die allein auf Elektroautos setzten, hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Dies spiegelt sich sowohl in der Produktion als auch in den Verkaufszahlen wider. Bis zum Jahr 2021 sollen in China nahezu 8 Millionen Elektrofahrzeuge produziert werden. In Deutschland rechnet man hingegen lediglich mit 2,5 Millionen produzierter Fahrzeuge im gleichen Zeitraum. Außerdem verzeichnete China von 2016 auf 2017 einen Anstieg verkaufter E-Autos von 230 %.

Was erwarten chinesische Autokäufer von einem E-Auto? Sehen Sie Unterschiede zu den Ansprüchen deutscher oder amerikanischer Kunden?

Der moderne chinesische Fahrzeughalter erwartet von seinem Auto mehr, als nur von A nach B zu kommen. Das Fahrzeug muss sich in den digitalen Lebensstil des Kunden einfügen und zu dessen Verbesserung beitragen. Die Ausstattung von E-Autos mit modernster Technologie, beispielsweise mit künstlicher Intelligenz in Form eines Sprachassistenten wie NIOs NOMI, und die sofortige Bereitstellung eines umfangreichen digitalen Serviceangebots ist für chinesische Fahrzeugkäufer ausschlaggebend.
Wir bei NIO sehen einen zentralen Unterschied zwischen chinesischen und deutschen Autointeressierten: Der deutsche Autokäufer sieht bei Autos mit neuen Antriebstechnologien oft nur, was im Vergleich zum Verbrenner fehlt, da er Einschränkungen in seiner gewohnten Mobilität befürchtet. Der chinesische Fahrzeughalter hingegen ist neugierig, was das Auto Neues zu bieten hat und wie sich die Mobilität für ihn dadurch erleichtert. Die Herausforderung ist also, weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten, um dem deutschen Autokäufer seine Ängste und Vorbehalte gegenüber E-Autos zu nehmen und gleichzeitig dem chinesischen Autokäufer kontinuierlich spannende Neuerungen zu bieten, die begeistern.

Wie sieht die Förderung des chinesischen Staates für die E-Mobilität aus? Sind die Rahmenbedingungen in China besser als z. B. in Deutschland?

Für die chinesische Regierung steht Elektromobilität weit oben auf der Agenda. Der chinesische Staat verspürt einen Handlungsdrang hin zum emissionsfreien Fahren aufgrund der starken Umweltbelastung durch den Verkehr in chinesischen Großstädten. Deshalb hat die chinesische Regierung einige Maßnahmen zur Förderung von E-Autos ins Leben gerufen. Im Jahr 2018 waren von den 100.000 Fahrzeugneuzulassungen in Peking 60.000 für Elektro- und Hybridfahrzeuge. Grundsätzlich ist es in chinesischen Großstädten deutlich einfacher, ein „New Energy Vehicle“, also ein Elektro- oder Hybridfahrzeug, zuzulassen, als einen Verbrenner. Seit 2019 sind Hersteller, die in China mehr als 30.000 Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor produzieren, verpflichtet, 10 % der Fahrzeuge mit einem alternativen Antrieb auszustatten. Durch die starke Förderung der E-Mobilität hat sich China inzwischen zu einem Zukunftsmarkt für Fahrzeughersteller entwickelt. Durch die von der Regierung vorgenommenen Maßnahmen sind die Rahmenbedingungen für E-Mobilität also zum aktuellen Zeitpunkt in China besser als beispielsweise in Deutschland. Jedoch zeichnet sich auch in Deutschland langsam ein Umdenken der Politik hin zu emissionsarmen Technologien im Straßenverkehr ab. Zudem hat die chinesische Zentralregierung eine Verlängerung der Subventionen für Elektroautos angekündigt. Dabei sind zwei Neuerungen ganz interessant: Anscheinend wird es nun eine Art Abwrackprämie in einigen Regionen geben und zum anderen wird ein gebrauchtes E-Auto stark steuerlich begünstigt. Das wird sich mit Sicherheit positiv auf den Markt auswirken.

Hilft es Ihnen, dass China nicht auf eine so lange Tradition im Automobilbau zurückblickt wie z. B. Deutschland, wo man sich manchmal damit schwertut, das technologische Erbe hinter sich zu lassen?

Chinesischen Herstellern fehlt zwar die jahrelange Tradition im Fahrzeugbau und damit die Erfahrung, die beispielsweise deutsche Fahrzeughersteller aufweisen. Das können sie jedoch durch ihre Innovationskraft und eine neue, unvoreingenommene Herangehensweise wieder wettmachen. Damit gelingt es ihnen, schnell und adäquat auf die neuen Herausforderungen am Automobilmarkt zu reagieren. Speziell für NIO gilt: Das klassische Know-how können wir uns durch die Talente unserer Kollegen und Kolleginnen an den Standorten dazuholen, und gleichzeitig hilft uns die Start-up-Mentalität, das Auto neu zu denken. So sehen wir das Auto auch nicht als einzigen entscheidenden Faktor, sondern wollen mit unseren Services dem Kunden ein noch weiter reichendes Angebot liefern, als es viele traditionelle Automobilhersteller bisher tun. Unser Anspruch ist es, unseren Kunden mehr als nur ein Fahrzeug zu bieten – vielmehr eine neue, umfassende Form von Mobilität.

Und zum Schluss: Wie sehen Sie die Zukunft des Individualverkehrs? Wird es das Auto – unabhängig davon, mit welchem Antrieb –, wie wir es heute kennen, in 15 Jahren noch geben?

Natürlich werden andere Mobilitätsformen zunehmen, jedoch sind wir davon überzeugt, dass es den Individualverkehr nach wie vor geben wird – gerade im Premium-Segment. Das Auto als Produkt wird sich den Ansprüchen und Anforderungen der Kunden kontinuierlich anpassen müssen. Wir bei NIO gehen davon aus, dass Fahrzeuge künftig zu digitalen Begleitern werden. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, wird das Fahrzeug sowohl mit den Passagieren als auch mit der Außenwelt besser interagieren können. Das Auto ermöglicht dem Fahrer dadurch ein vorausschauendes und sicheres Reisen und das Fahrerlebnis selbst rückt wieder in den Vordergrund.

Wir bei NIO sehen einen zentralen Unterschied zwischen chinesischen und deutschen Autointeressierten.

hui uhang, vice president europe at nio

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