Dreamteam: Mensch & Maschine & Produkt

Input
Johann Soder
Chief Operating Officer
SEW-EURODRIVE

Interview mit Johann Soder

Johann Soder, Chief Operating Officer des Antriebsspezialisten SEW-EURODRIVE, baut die Fabrik der Zukunft schon heute. Im baden-württembergischen Graben-Neudorf entstehen neue Fabriken, wo Menschen, Produkte und vernetzte, intelligente Technik Hand in Hand arbeiten. In der Lean Smart Factory suchen sich Aufträge selbst ihren Weg durch die Produktion – bis hin zum Versand. Individuelle Kundenwünsche können hier zu den Kosten einer Massenproduktion erfüllt werden.

Von Helmut Schmidt ist der Satz überliefert „Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen“. Welchen Stellenwert hat die Vision im Unternehmen für Sie

Die Vision eines Unternehmens beschreibt einen idealen Zustand in der Zukunft, den das Unternehmen erreichen möchte. Ich glaube mit einer guten Unternehmensvision kann man ungeahnte Kräfte freisetzen, denn man malt ein großes Bild der Zukunft für das Unternehmen. Die Vision beschreibt, wo es hingehen soll, sie muss Menschen begeistern und ein gemeinsames Verständnis herstellen. Sie ist absolut notwendig, um den Mitarbeitern Orientierung zu geben und Sinn zu bieten und sie drückt die Veränderung aus, die wir mit unserer Organisation erreichen wollen.

Ihr Unternehmen ist spezialisiert auf Antriebe. Was treibt Sie selbst an?

Wir werden akzeptieren müssen, dass wir so arbeiten müssen, wie sich die Technik entwickelt: vernetzt. Also weg von einer hierarchischen Organisation hin zu einer Netzwerkorganisation, wo jeder Mitarbeiter einen ergebnisorientierten Beitrag leisten muss. Lean Enterprise, Digitalisierung und Industrie 4.0 sind die Gestaltungsansätze, die Unternehmen im 21. Jahrhundert die Fähigkeit verleiht, durch Agilität und Anpassungsfähigkeit wettbewerbsfähig zu bleiben und sich zum Trendsetter in ihrem Markt zu entwickeln. Mein Credo lautet: Bewährtes erhalten, wirklich Neues schaffen und Mehrwerte für Kunden zu kreieren. Kreativität ist dabei für mich der Garant, niemals Ruhe einkehren zu lassen. Diese Erkenntnis treibt mich immer wieder an!


Mit Ihrer Lean Smart Factory betreten Sie Neuland. Wie ist es, Pionier zu sein und Prozesse zu gestalten, die es so noch nie gab?

Eine wichtige und richtige Entscheidung war unter Berücksichtigung der Wertschöpfungsprinzipien One-piece-flow und kleinen Small-Factory-Units die Vision der Lean Smart Factory im unternehmenseigenen Werk in Graben-Neudorf umzusetzen und Konzepte für Aufgaben in der Logistik, Montage und Fertigung zu entwickeln. Als Pionier geht man nicht auf gesicherten, ausgetretenen Pfaden, denn man kommt dann immer nur dort an, wo andere schon waren. Als Pionier ist man pragmatisch, flexibel, mutig und hat Spaß an Veränderungen und immer das große Ganze im Blick. Man begibt sich auf einen unbekannten Weg, um die entscheidenden Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Wir waren ein Frühstarter mit Gespür für die richtigen Trends bei der Gestaltung von Lean Smart Factories.


Im Filmklassiker Terminator wird ein Szenario entworfen, in dem intelligente Maschinen die Macht übernommen haben und die Menschheit vernichten wollen. Ist das aus heutiger Sicht absurde Science-Fiction oder irgendwann durchaus vorstellbar?

Mein Credo lautet, die Technik ist dem Menschen untertan. Der Mensch führt den Prozess und intelligente Systeme, wie zum Beispiel Montageassistenten unterstützen ihn bei der Leistungserbringung. Der Mensch muss bereit sein, mit diesen Assistenten im Umfeld der Produktion auf intelligente Weise zusammenzuarbeiten, dann stellt ein eingebetteter Roboter in den Produktionsprozess für die Menschen keine Bedrohung dar, sondern eine Unterstützung, um exzellente Leistungsergebnisse zu erreichen und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens auszubauen. Das Zauberwort heißt Mensch-Technik-Kooperation!


In den 90er Jahren sind Sie für Ihr Unternehmen nach Japan gegangen, um zu lernen. Sind wir inzwischen so weit, dass nun das Ausland nach Deutschland kommt, um sich Lean Smart Factories anzusehen?

Lean-Produktion, Kanban oder Kaizen als kontinuierliche Verbesserungsprozesse: diese neuen Managementkonzepte für die Industrie kamen in den letzten Jahren aus Japan. Heute können wir in Deutschland zeigen, dass ein großes Stück Wettbewerbsfähigkeit gewonnen werden kann, wenn wir die Wertschöpfungskette intelligent verzahnen. Unlängst haben uns 36 Manager aus Japan im Werk Graben-Neudorf besucht, um unsere Fabrik live zu sehen. In der großen Lean-Welle in den neunziger Jahren sind wir alle miteinander nach Japan gepilgert, jetzt ist es umgekehrt. Das ist doch schön, oder?

Gab es in Ihrem Berufsleben ein besonderes Aha-Erlebnis, das Sie geprägt hat?

Im Jahre 2007 hatte ich als Geschäftsführer Technik, zusätzlich die Aufgabe der Führung des Forschungs- und Entwicklungsbereichs zur Produktion übernommen. Nach Implementierung einer neuen F&E-Struktur, Organisation und dem damit verbunden ergebnisorientierten Arbeiten wurde die Innovationsleistung erhöht und nachhaltige neue SEW-Innovationen geschaffen.
Die Prinzipien des SEW-Wertschöpfungssystem aus der Produktion zeigten auch in der Anwendung im technischen Bereich ihre Wirkung. Das hat mich begeistert und motiviert den Weg zu einer leistungsorientierten Produktentwicklungsorganisation einzuschlagen.


Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?

Erfolgreich ist nur, wem es gelingt, die Mitarbeitenden zur Erreichung gemeinsamer Ziele zu motivieren um damit seine Organisation zielgerichtet vorwärts zu bringen. Ich versuche zu begeistern und zu überzeugen, lebe persönlich Motivation und Höchstleistung vor und fordere nur das, was ich auch selbst einhalten kann. Ich würdige Ideen und Kreativität unabhängig von Hierachieebenen und strebe kontinuierlich nach Verbesserung. Menschen, die Innovationen im Unternehmen vorantreiben, müssen vor allem zwei Dingen mitbringen: Leidenschaft für ihre Arbeit und Projekt sowie Expertise im Planen, Steuern und Umsetzen von definierten Aktivitäten. Ein Kongressteilnehmer kam nach meinem Vortrag auf mich zu und sagte: Herr Soder, sie sind jetzt 64 Jahre alt und kein bisschen müde. Ihre Begeisterung und Leidenschaft für ihr Unternehmen und das Neue ist einzigartig. Sie sind ein kreativer Zerstörer, der immer wieder Neues schafft und das seit vielen Jahrzehnten. Solche Aussagen motivieren mich und treiben mich täglich an.

Industrie 4.0 vernichtet keine Arbeitsplätze in der neuen Smart Factory, sondern es verändert sie.

Johann Soder, Chief Operating Officer bei SEW-EURODRIVE
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Eine gute, allwissende Fee beantwortet Ihnen eine Forschungsfrage. Was würden Sie wissen wollen?

Wenn man die Konzepte Lean und Industrie 4.0 zu einer „Lean-Industrie 4.0“ kombiniert, wird dann nicht die Technik als Selbstzweck maximiert, sondern die Wertschöpfung und der Mensch in den Mittelpunkt der Produktionskonzepte gerückt? Haben wir die Freiheit für eine menschenfreundliche Industrie 4.0?


Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die durch Lean und CIM sämtliche Potenziale ausgeschöpft haben und nun mit Industrie 4.0 das nächste Level erreichen wollen?

Der Schlüssel für weitere Produktivitätssteigerungen liegt in einem noch besseren Zusammenspiel von Mensch und Technik. Damit werden Tätigkeiten und Abläufe vereinfacht, teilautomatisiert und beschleunigt. Ich bin überzeugt und habe nachgewiesen, dass eine intelligente Kombination von Mensch und Technik realisiert nach Lean- und den Prinzipien von Industrie 4.0 ein Produktivitätspotenzial von 50% in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens heben kann.


Sie sind ein erfahrener Lean-Praktiker. Gab es jemals den Punkt, an dem Sie gesagt haben: Super, jetzt können wir nichts mehr verbessern?

Der Weg zur permanenten Verbesserung endet nie. Wir müssen alle täglich mit einer Einstellung ins Unternehmen kommen, in der der Gedanke lebt, dass das, was wir heute vorfinden, der schlechteste Zustand ist und wie können wir diesen besser und effizienter machen. Wir müssen auch im Zeitalter von Industrie 4.0 die Intelligenz unserer Mitarbeitenden nutzen und mit Ihnen intelligente Wertschöpfungsketten mit exzellenten Abläufen erdenken und umsetzen. Der Ansatz der kreativen Zerstörung muss täglich gelebt werden!

Die einen sagen, durch Industrie 4.0 würden Arbeitsplätze wegfallen, die anderen behaupten, es würden dadurch Arbeitsplätze gesichert. Was denken Sie?

Generell gilt: Routine wird immer mehr mit Automatisierung erledigt, Spezialfälle und Neuentwicklungen von Menschen. Deshalb mein Statement: Industrie 4.0 vernichtet keine Arbeitsplätze in der neuen Smart Factory, sondern es verändert sie. Innovative Technik hat in der Vergangenheit immer mehr Arbeitsplätze erschaffen, als sie vernichtet hat. Die Veränderung der Arbeit verleiht der Floskel des „lebenslangen Lernens“ eine neue Qualität.  

Glauben Sie, dass Maschinen auch kreativ arbeiten und zum Beispiel Produktinnovationen erarbeiten können? Oder wird das immer uns Menschen vorbehalten bleiben?

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sind in unserem Alltag angekommen. Der Mensch ist aber diesen Systemen heute noch mit seinen kognitiven Fähigkeiten haushoch überlegen. Assistenzsysteme jedoch können Menschen bei Arbeiten unterstützen, sodass für den Menschen ein größeres Zeitfenster für attraktivere und verantwortungsvollere Aufgaben und Freiräume für kreative, gestalterische Lösungen entstehen. Diese Möglichkeit müssen wir nutzen, wenn wir das exzellente Unternehmen gestalten wollen.

Sie kommen in Ihre Smart Factory und Ihre Maschinen erklären Ihnen, dass sie eine Gewerkschaft gründen möchten und Pausen für ein gepflegtes Schachspiel fordern. Wie reagieren Sie?

Das wird in meinen Fabriken nicht passieren, denn die Technik ist dort dem Menschen untertan und sie wird nicht unser Leben dirigieren. Wir werden immer Menschen brauchen, die das Trainieren und Feinabstimmen von KI-basierten Assistenzsystemen übernehmen. Menschen und Maschinen sind keine Konkurrenten, sondern Partner in der Smart Factory der Zukunft!

Die Prozesse in Smart Factories werden immer perfekter. Manche Menschen erwarten diese Perfektion zunehmend von sich selbst. Was halten Sie von diesem Wunsch nach persönlicher Selbstoptimierung?

Erfolge machen glücklich! Durch eine strukturierte Selbstoptimierung erreichen wir unsere Ziele schrittweise und nehmen die Erfolge wahr, was uns nachhaltig motiviert und aktiviert. Selbstoptimierung am Arbeitsplatz ist wichtig, um den Anforderungen des Arbeitstages gerecht zu werden, in die Aufgabe hineinzuwachsen und wirklich gut in dem zu sein, was man tut. Wir passen unsere Arbeitsweise an die Herausforderungen an, lernen dazu, verbessern unseren Ablauf und erzielen mit wachsender Erfahrung bessere Ergebnisse.

Smart Factory Industrie 4.0 Animation | SEW-EURODRIVE

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Gibt es Überlegungen, wie das intelligente Zusammenspiel von Menschen und Maschine nicht nur in Fabriken, sondern auch in anderen Bereichen wie Logistik, Pflege oder Bildung genutzt werden kann?

Meine Erkenntnis ist: Im Mittelpunkt wird nicht der Ersatz des Menschen durch intelligente Maschinen stehen, sondern vielmehr die optimale Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Künstliche Intelligenz wird in den nächsten Jahren immer besser in der Lage sein, das menschliche Denken nachzuahmen.
Die Mensch-Technik-Kooperation kann dadurch in den unterschiedlichsten Bereichen angewendet werden – in den Arbeitsfeldern Sacharbeit, Verwaltung und Produktion über Dienstleistungen im Bereich Finanzen, Versicherungen und Handel bis hin zu Anwendungen in der Mobilität, Gesundheit und Pflege.  

Was war für Sie die wichtigste Erfindung der letzten 100 Jahre?

Der Einsatz der Computertechnik im Umfeld einer Werkzeugmaschine! Ab etwa 1960 wurden die ersten numerischen Steuerungen für Werkzeugmaschinen entwickelt und verbaut. Die Entstehung der „NC“ – Numerical Control war eine der Voraussetzungen für den schnellen Wiederaufbau der Weltwirtschaft nach dem 2. Weltkrieg. Dank der NC-Maschinen konnten Bedarfe z.B. an Automobilen, Flugzeugen, Konsumgütern usw. qualitätsgerecht abgedeckt werden. Ab Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde aus der NC die CNC, also Computerized Numerical Control Steuerungstechnik. Der Einsatz dieser neuen Steuerungstechnologie führte im Umfeld der Zerspanung, Verformung und Automatisierung von Maschinen und Anlagen zu großen Produktivitätssteigerungen in der Industrie.

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Johann Soder arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten bei SEW-EURODRIVE. Für den Hersteller von Antriebstechnik, der in vielen verschiedenen Erdteilen Fertigungswerke hat, ist er als COO tätig. In seiner Zeit bei SEW-EURODRIVE hat er viele Veränderungen miterlebt, selbst vorangetrieben und zu Verbesserungen gemacht. Mit Martin Haas, Gründer und Aufsichtsrat der Staufen AG, hat er darüber gesprochen, wie viel ein Unternehmen lernen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hier eine Zusammenfassung.

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