Lean Prinzipien bei RECARO Aircraft

Januar 11, 2022 | Allgemein, Lean Management, Podcast

Gerade bei international agierenden Unternehmen kann eine Lean Struktur viele Abläufe verbessern. Im Gespräch mit Janice Köser, Academy Manager bei der Staufen AG, erzählt Esther Smart, Head of Lean Enterprise bei der RECARO Aircraft Seating GmbH & Co. KG, von ihren Erfahrungen. Fazit: Auch während der Pandemie erwiesen sich die Lean Prinzipien als wegweisend.

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Der Arbeitsalltag bei fünf internationalen Standorten

Der Hauptsitz von RECARO liegt in Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg. Weitere Niederlassungen gibt es in den USA, in Südafrika, Polen und China. Für all diese Teile des Unternehmens eine einheitliche Struktur zu entwickeln, die die Werte des Unternehmens beinhaltet und gleichzeitig kulturelle Unterschiede in den Ländern berücksichtigt, ist ein Balanceakt. Seit 2013 ist Esther Smart dafür zuständig.

„Ich bin verantwortlich dafür, dass die richtigen Trainings und Methoden eingesetzt werden, dass wir zusammen Standards entwickeln und uns daranhalten“, erklärt sie. Dazu wird jedes Jahr ein Lean Enterprise Program entwickelt, das an den verschiedenen Standorten umgesetzt wird. Bestimmte Aufgaben müssen überall erfüllt werden – sie auf das jeweilige Umfeld zuzuschneiden, erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Durch die entsprechenden Trainings und Methoden werden also gewisse Lean Standards entwickelt. Der Ansatz muss ganzheitlich erfolgen. Esther Smart und ihr Team sorgen gemeinsam mit den jeweiligen Führungskräften der verschiedenen Standorte dafür, dass die Maßnahmen durchgeführt und die Standards eingehalten werden.

Der Vorteil der Lean Prinzipien im Unternehmen

Esther Smart hat ihre Stelle im Oktober 2013 übernommen. Das war die Zeit, in der RECARO beschlossen hatte, die im Produktionsbereich bereits sehr erfolgreich angewandten Lean Prinzipien auf alle Bereiche des Unternehmens auszuweiten. Motto: „Wir wollen die Transformation zum Lean Enterprise, wollen wirklich alle Bereiche, Kunden und Lieferanten einbeziehen.“

Esther Smart, die ihre Lean Ausbildung in den USA absolviert hatte, schlug eine Halbierung der Durchlaufzeiten vor. Sie betrugen für ein durchschnittliches Sitzmodell 60 Wochen, was ihr sehr viel zu sein erschien. „Ich war allerdings ganz neu in der Luftfahrt und wusste nicht, welche Hürden vor mir standen. Sonst hätte ich vielleicht nochmal darüber geschlafen“, räumt sie im Rückblick ein.

Trotz der Herausforderungen, die das ambitionierte Projekt mit sich brachte, war RECARO erfolgreich. Die Durchlaufzeit ist inzwischen um 46 Prozent kürzer. Die Umsetzung der Lean Prinzipien in allen Unternehmensbereichen hat also einen entscheidenden Vorteil gebracht – und noch dazu einen, den die Kunden sich gewünscht hatten: In einer Kundenbefragung von 2013 wurden Design, Liefertreue und Qualität sehr gelobt, bei den Durchlaufzeiten hingegen wurde dem Unternehmen Optimierungsbedarf bescheinigt.

Lean Prinzipien in der End-to-End-Betrachtung

Unternehmen, die sich erstmalig mit Lean Prinzipien befassen, setzen sie meist zunächst in der Produktion um. Allerdings sind die Erfolge immer dann besonders groß, wenn die Prinzipien auf das komplette Unternehmen angewendet werden. Dies ließ die Analyse der Ist-Situation bei RECARO, die Esther Smart zusammen mit einem Berater von Staufen durchführte, ebenfalls erwarten. Die Lean Prinzipien sollten deshalb auch im administrativen Bereich umgesetzt werden. Inzwischen ist das gelungen, außerdem gibt es regelmäßige Workshops zum Thema mit Kunden und Lieferanten.

Lean Prinzipien im administrativen Bereich

Die Implementierung der Lean Prinzipien ist in produktiven Bereichen zwar einfacher als in administrativen, allerdings sind die Grundpfeiler immer die gleichen: Es gilt, Verschwendung zu reduzieren, Pull-Prinzipien einzuführen und alle Arbeitsschritte in einen stetigen Fluss zu bringen.

Esther Smart nennt ein Beispiel, nämlich die Vereinheitlichung der einst komplett individuell organisierten Office-Bereiche: Kanban-Systeme traten an die Stelle zahlreicher Einzelbestellungen und die 20 einzeln für ihren jeweiligen Bereich agierenden Assistentinnen wurden zu einer Office-Management-Gruppe zusammengefasst. Diese Gruppe kann heute bereichsübergreifend arbeiten, was die Abläufe bedeutend vereinfacht. „Das in alle indirekten Bereiche zu übertragen ist eigentlich sehr einfach, aber die Idee muss erst mal da sein“, kommentiert Esther Smart die Umsetzung.

„No judge, no blame“

Bei der Analyse durch einen Lean Berater zeigt sich, welcher Prozess wertschöpfend ist und welcher nicht. Viele Unternehmer und auch Mitarbeitende sind zunächst erschrocken über die hohe Zahl der nicht wertschöpfenden Prozesse und neigen dazu, das Ergebnis persönlich zu nehmen. Das ist aber nicht nötig: Nicht die Mitarbeitenden an sich werden kritisiert, sondern einzig und allein die Prozesse, wie sie zum Zeitpunkt der Analyse standardisiert sind. Entsprechend sollte niemand diese Analyse als eine Rüge für schlechte Arbeit verstehen, sondern lediglich als Hinweis auf die Dysfunktionalität bestimmter Vorgehensweisen, der abgeholfen werden kann.

Mit Lean Prinzipien durch die Coronakrise

Corona stürzte viele Branchen in eine Krise und der Flugzeugsitzhersteller RECARO war und ist ebenfalls betroffen. Allerdings war der Umsatz kurz vor der Pandemie stark angewachsen, die Fallhöhe entsprechend: 2019 war ein Rekordjahr für das Unternehmen, in dem es seinen Umsatz um 25 Prozent steigern konnte. 2020 betrug die Einbuße dann etwa 60 Prozent.

Dank der Lean Prinzipien, die RECARO bereits implementiert hatte, konnte das Unternehmen relativ schnell und flexibel auf die veränderte Situation reagieren: „‚Touch and go‘ ist ein Vorgang in der Luftfahrt, wenn ein Pilot die Maschine ganz kurz auf der Landebahn aufsetzt und dann wieder durchstartet. Das war unser Motto: Wir müssen mal kurz runter, aber wir wollen auch gleich wieder durchstarten“, erklärt Esther Smart.

Weltweit wurden die Kosten weitestgehend minimiert, ohne die Arbeitsplätze der Belegschaften anzurühren: RECARO hatte eine Standortsicherung unterzeichnet und sich verpflichtet, bis Ende 2023 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. So sind die Mitarbeitenden zwar in Kurzarbeit, ihre Arbeitsplätze sind aber bis zum wahrscheinlichen Ende der Krise gesichert.

Der Ausblick ist positiv

Corona ist noch nicht vorbei, dennoch gilt es, an die Zukunft zu denken und an die Sicherung der Arbeitsplätze im Unternehmen. Nachdem die Durchlaufzeit pro Flugzeugsitz nun annähernd halbiert worden ist, lautet Esther Smarts neue Herausforderung für RECARO, die Effizienz im Unternehmen bis 2025 um 30 Prozent zu steigern. „Das haben wir als Ziel tatsächlich ausgegeben, die Latte liegt also hoch. Aber ich glaube, wir haben gute Chancen, dahin zu kommen.“

Aktuell werden die Lean Prinzipien noch von Ester Smart und ihrem Team an allen Standorten umgesetzt. Mittelfristig soll die Verantwortung dafür allerdings fast ausschließlich bei den Führungskräften der einzelnen Standorte liegen. Dem Lean Team käme dann nur mehr der Posten der Supervisoren zu, die die Koordination der Standards und Trainings übernehmen und ansonsten lediglich helfend eingreifen, wo es nötig wird. Esther Smart ist zuversichtlich, dieses Ziel bei ihrem international aufgestellten Arbeitgeber erreichen zu können.

Moderation

Janice Köser, Academy Manager, Staufen AG

Gast

Esther Smart, Head of Lean Enterprise, RECARO Aircraft Seating GmbH & Co. KG

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