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„Wir denken nicht wirklich digital.“ 

Artificial Intelligence
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August 9, 2022 | Digitalisierung

Peter Gentsch ist einer der Pioniere der digitalen Transformation und der Data Science in Deutschland: Seit den 1990er-Jahren befasst er sich damit. Im Interview mit Janice Köser wirft er einen erhellenden Blick auf den digitalen Reifegrad deutscher Unternehmen. 

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Laut Peter Gentsch gibt es verschiedene Unternehmen in Deutschland, die die Digitalisierung bereits verinnerlicht haben und auf dieser Basis exzellent funktionieren bzw. digitale Produkte anbieten: So stammt die Übersetzungssoftware DeepL aus Deutschland, Celonis, ein KI-basiertes Unternehmen für Prozessanalysen, hat seinen Unternehmenssitz in München, und Unternehmen wie KUKA (Augsburg) oder SEW Eurodrive (Bruchsal) machen deutlich, dass die Digitalisierung auch in Deutschland eine bedeutende Rolle spielt. 

Allerdings ist hier durchaus noch Luft nach oben: Im Digital Density Index, der den Zusammenhang zwischen dem verstärkten Einsatz digitaler Technologien und einer höheren Produktivität misst und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum quantifiziert, liegt Deutschland regelmäßig auf den hinteren Rängen. „Dieser Punkt macht mir ein bisschen Sorge“, erklärt Gentsch. Seiner Ansicht nach müsste hier mehr möglich sein, doch das Hauptproblem stecke wohl in den Köpfen. 

Peter Gentsch

Die Pandemie hat die Digitalisierung einen guten Schritt nach vorne gebracht, ist oft zu hören. Peter Gentsch sieht das anders. Ihm geht die Veränderung nicht weit genug und sie ist nicht nachhaltig: So war es an Hochschulen und Universitäten plötzlich möglich, Vorlesungen aus der Distanz zu halten, Zoom wurde für viele ein alltägliches Tool. Allerdings wollen viele Hochschulen – und auch Unternehmen – derartige Errungenschaften aus der Coronazeit offenbar nicht dauerhaft beibehalten: An etlichen Hochschulen gibt es nun wieder ausschließlich Präsenzvorlesungen, zahlreiche Unternehmen schränken die Möglichkeit zum Homeoffice wieder ein.  

„Das ist in erster Linie ein Mindset-Thema“, sagt Gentsch. Die Aussage „Das haben wir schon immer so gemacht“ sei aktuell wieder viel zu oft zu hören, insbesondere Unternehmen mit langer Tradition. Start-ups seien viel flexibler und hätten auch mehr Interesse an digitalen Modellen. Ihr Vorteil: Sie befänden sich noch im Experimentiermodus und hätten eine erkennbar flexiblere Fehlerkultur. 

Viele alteingesessene deutsche Unternehmen gehen Digitalisierung vor allem deshalb an, weil sie gehört haben, dass sie notwendig ist. „Dabei sollte Digitalisierung kein Zwang sein, sondern auch mal Spaß machen“, meint Gentsch. Ein verstärkt digitales Denken sei in vielen deutschen Unternehmen jedoch nicht vorhanden. 

Peter Gentsch beobachtet, dass zahlreiche Unternehmer in Deutschland ein Programm für die Digitalisierung aufsetzen und davon ausgehen, dass diese Transformation irgendwann abgeschlossen ist, so wie andere Projekte auch. Bei der Implementierung digitaler Modelle handelt es sich jedoch um fortlaufende Prozesse ohne Endpunkt. Wichtig ist es dabei, auch mögliche Fehlversuche einzukalkulieren, die dann korrigiert werden. Peter Gentsch wünscht sich von deutschen Unternehmern hier mehr Mut und mehr Fantasie: „Ich glaube, dann hätten wir auch in Deutschland deutlich mehr Chancen.“ 

Die Prozesse großer Konzerne wie Google, Apple, Facebook und Amazon (kurz: GAFA) basieren auf Artificial Intelligence (AI) bzw. künstlicher Intelligenz (KI). Kern ihres Geschäftserfolgs ist die Datensammlung und -analyse. Aber auch mittelständische Unternehmen können und müssen in Zukunft diese Technologie für sich nutzen: „Ich halte das für eine fundamentale Grundlagentechnologie, nicht für einen Trend“, betont Gentsch.

„Gleiches gilt für das Internet of Everything, das über das reine IoT (Internet of Things) hinausgeht: Es wird in absehbarer Zukunft Ökosysteme geben, die komplett vernetzt sind. Hinzu kommen die Themen Metaverse, Blockchain und NFTs. Damit müssen sich Unternehmen beschäftigen.“ Es gehe nicht um blinden Aktionismus, sondern vielmehr darum, sich ein grundlegendes Verständnis für diese Themen anzueignen, auch, um sich kritisch mit ihnen auseinandersetzen zu können.

Die Zukunft erfordert Flexibilität 

Das Internet wird sich weiterhin rasend schnell verändern. Peter Gentsch geht davon aus, dass sich die Prinzipien des Web 3.0 durchsetzen werden: eine dezentralere virtuelle Welt, in der die Konsument*innen wieder mehr Macht über ihre eigenen Daten haben werden. Momentan stecke diese Entwicklung allerdings noch in den Kinderschuhen. Sie im Auge zu behalten, sei allerdings immens wichtig. 

Wichtig ist es auch, dass Unternehmen für sich die passende Nische finden. Neben Amazon und Facebook kann die Digitalisierung in vielen weiteren Bereichen neue Möglichkeiten eröffnen. Gentsch nennt ein Beispiel: „Catuso ist ein Marktplatz im After-Sales-Automotive-Markt. Die haben eine Plattform aufgebaut, auf der Ersatzteilhersteller, Lieferanten, Kfz-Werkstätten und andere Unternehmen in diesem Bereich standardisiert über die IDA Rechnungen, Prozesse und Belege austauschen können. Dann ging den Verantwortlichen auf, dass sie viele auf diese Weise viele Daten gesammelt hatten, die neue Möglichkeiten eröffneten – zunächst hinsichtlich Prognosen, dann für das IoT. Inzwischen sind alle großen Automobilhersteller auf dieser Plattform: BMW, Audi und Porsche geben ihre IoT-Daten dieser Plattform.“ Daraus lassen sich völlig neue Geschäftsmodelle entwickeln, etwa maßgeschneiderte Versicherungen.

Wenn wir in Deutschland etwas gut können, dann ist das Industrie 4.0. In der Entwicklung und Optimierung von Prozessen ist man hierzulande leistungsfähig.

Prof. Dr. Peter GenTsch, Unternehmer und Wissenschaftler

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Moderation Janice Koeser

Janice Köser

Manager Academy

Staufen AG

Gesprächspartner Peter Gentsch

Prof. Dr. Peter Gentsch

Unternehmer und Wissenschaftler

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