Folgen der Corona-Pandemie: Interview mit ETH-Professor Dr. Torbjörn Netland

April 21, 2020

„Lean wird mehr gebraucht denn je“

Herr Professor Netland, im Zuge der Corona-Pandemie stehen weltweit viele Produktionsanlagen still. Kritiker machen Lean Management für das Zerreißen der Lieferketten verantwortlich. Zu Recht?

Nein, denn viele Kritiker, die Lean in der aktuellen Krise als Mitschuldigen ausmachen, setzen Lean mit einer kleinstmöglichen Lagerhaltung gleich. Das Konzept handelt nicht von ‚Sicherheitsbestand Null‘, und Lean Management trägt definitiv keine Schuld am derzeitigen Pandemieausbruch. Wenn die Nachfrage implodiert und die Lieferanten sich abmühen, helfen Überbestände eh wenig. Die wichtigsten Merkmale von Lean Management sind Kundenorientierung, kurze Vorlaufzeiten und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung. Lean wird mehr gebraucht denn je. Sicherlich werden nach Lean-Methoden aufgestellte Unternehmen in dieser Krise besser abschneiden als ihre Konkurrenten.

 

Sie erwarten also keine Umkehr der Globalisierung oder Neuorganisation der Lieferketten?

Was nach der Pandemie passiert bleibt abzuwarten. Es ist klar, dass die Welt nach Corona nicht mehr dieselbe sein wird. Im Moment stellt eine global funktionierende Lieferkette jedoch den Ausweg aus dieser Krise dar. Produkte tragen zwar einen „made-in“-Stempel, tatsächlich sind sie aber „made-in-the-world“.

Aufgrund der Pandemie wurde die Pausentaste gedrückt, aber nicht die Reset-Taste. Einige betroffene Branchen müssen umdenken. Aber im Allgemeinen bestehen die aktuellen globalen Lieferketten nicht ohne Grund. So wie Wasser sich immer den einfachsten Weg sucht, gilt das auch für wirtschaftliche Aktivitäten. Ich glaube, dass sich die Globalisierung der Lieferketten für die meisten Produkte fortsetzen wird.

 

Werden globale Lieferketten in Zukunft krisenresistenter aufgebaut sein?

Sicherlich werden Unternehmen kurz- oder mittelfristig risikobewusster werden, und vielleicht auch eine größere Lagerhaltung betreiben. Es liegt auf der Hand, dass Risikomanagement wieder zum Gesprächsgegenstand in den Vorstandsetagen wird. Aber selbst das ist bei einer Pandemie dieser Größe keine große Hilfe. Ganz gleich, wie groß die Vorräte sind: Wenn es aufgrund einer Abschottung keinen Markt gibt, ist keine Produktion notwendig. Außerdem bestehen die meisten Produkte, anders als Toilettenpapier und Gesichtsmasken, aus einer Vielzahl von Teilkomponenten. Um eine Analogie zu verwenden: Auch wenn die Schränke voller Zucker sind, kann man keine Pfannkuchen machen, wenn keine Eier mehr da sind. Was wir brauchen ist eine Systemperspektive, die Verwaltungsstrukturen über das einzelne Unternehmen hinaus erfordert.

 

Können Unternehmen, die auf Lean setzen, die aktuelle Krise schneller überwinden?

Ja, denn Lean hat viel mit Geschwindigkeit zu tun. Es geht um die Fähigkeit, Produkte je nach Marktanforderung besonders schnell und effizient herzustellen. Das ist der große Vorteil von Lean. Es ist nicht die einzige Antwort auf diese Krise, aber es ist ein wichtiger Aspekt: Erstens, um die Produktion jetzt dringend benötigter Güter (Stichwort Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung) schnell hochzufahren, und zweitens, um den Neustart der weiteren Wirtschaftsbereiche möglichst reibungslos hinzubekommen — wobei die Nachfrage immer mit Qualitätsprodukten ausgeglichen werden soll. Lean trägt also keine Schuld, sondern ist Teil der Lösung.

 

Zur Person:

Prof. Dr. Torbjörn Netland ist Assistenzprofessor an der ETH Zürich und leitet dort den Bereich Produktions- und Betriebsmanagement (POM). Vor seiner Tätigkeit an der ETH war er an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) und SINTEF Technology and Society in Trondheim, Norwegen tätig. Prof. Dr. Netlands Forschungsschwerpunkt liegt in den Bereichen Operational Excellence, Global Operations, Smart Manufacturing und Behavioral Operations. Sein besonderes Interesse gilt Methoden zur Produktivitätsverbesserung in der verarbeitenden Industrie und dem damit verbundenen Management von Produktionsverbesserungsprogrammen in multinationalen Unternehmen. Er ist mehrfacher Preisträger des Shingo-Forschungspreises.

 

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