„Rumänien hat die Chance des Lebens“

STAUFEN MAGAZINE 2021 | No. 4 | AHK Rumänien | Input

Rumänien gehört seit der wirtschaftlichen Öffnung zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Europa. angesichts der Nearshoring-diskussionen im Zuge der Coronapandemie könnte das Land für die deutsche Industrie an Bedeutung sogar noch zunehmen. Sebastian Metz, Geschäftsführer der AHK Rumänien, spricht im Interview über Standortvorteile, Herausforderungen und Potenziale für Unternehmen.

SEBASTIAN METZ
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied
AHK Rumänien

Sebastian Metz leitet als geschäftsführendes Vorstandsmitglied seit 2012 die Deutsch-Rumänische Industrie- und Handelskammer (AHK Rumänien) in Bukarest. Zuvor arbeitete der ausgebildete Bankkaufmann und studierte Volkswirt als CIM-Experte (Centrum für internationale Migration und Entwicklung) für die AHK Algerien und in Nepal.

Im Zuge der Coronapandemie ist das weltweite Lieferkettensystem ins Wanken geraten. Auch die Blockade des Suezkanals im März 2021 durch das Containerschiff Ever Given zeigte deutlich, wie anfällig eine global ausgelagerte Supply Chain sein kann. Nearshoring kann aber nur dann funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Unternehmen, die auslagern wollen, benötigen Sicherheit, eine gute Verkehrsanbindung, stabile politische Verhältnisse, ausreichend Fachkräfte und ein kostengünstiges Preisniveau. Rumänien kann mit seinen knapp 20 Millionen Einwohnern künftig eine zunehmend wichtiger werdende Rolle für die deutsche Industrie spielen. Wirtschaftsexperten und Unternehmer haben sich von alten Vorurteilen befreit und erkennen die enormen Fortschritte, die das Land in den vergangenen Jahren gemacht hat. Seit der wirtschaftlichen Öffnung gehört Rumänien zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Europa und konnte auch die jüngste Coronakrise ohne größere Verwerfungen bewältigen. Und wie sieht die Zukunft aus? Welche Chancen bieten sich Investoren? Sebastian Metz, Geschäftsführer der AHK Rumänien, spricht im Interview über Standortvorteile, Herausforderungen und Potenziale.

Herr Metz, Rumänien wird in Unternehmenskreisen häufig noch stiefmütterlich behandelt. Ist das gerechtfertigt oder kann das Land mit besonderen Standortvorteilen glänzen?

Rumänien ist fest in der Europäischen Union verankert. Seit 2007 ist das Land EU-Mitglied, seit 2004 gehört es zur Nato. Innenpolitisch ist ebenfalls eine deutliche Stabilisierung erkennbar. Der Rahmen für Direktinvestitionen stimmt also. Zudem profitieren Unternehmen von den zahlreich vorhandenen, gut qualifizierten Arbeitskräften. Dies ist auch der lange zurückreichenden Industriegeschichte Rumäniens zu verdanken. Ein großer Standortvorteil ist natürlich der Kostenfaktor: Im europäischen Vergleich gehört das Land zu den günstigen Produktionsstandorten. Auch die Wachstumszahlen überzeugen: Im ersten Quartal 2021 verzeichnete Rumänien beim BIP ein Plus von 3,8 Prozent – und setzte sich damit in der EU an die Spitze. Im Coronajahr 2020 fiel das Minus mit gerade einmal 3,9 Prozent vergleichsweise gering aus. Diese guten Bedingungen ziehen vermehrt deutsche Unternehmen an, angefangen beim Maschinenbau über die chemische Industrie bis hin zur Metall- und Plastikverarbeitung, und natürlich Automotive.

Welche Branchen sind in Rumänien besonders stark vertreten?

Der Automobilsektor steht klar an Position eins. Von den deutschen Direktinvestitionen, die sich 2019 auf über 10,8 Milliarden Euro addierten, entfielen rund zwei Drittel auf diese Branche. Große deutsche Automobilzulieferer wie zum Beispiel Bosch, Schaeffler, Continental oder Dräxlmaier sind hier genauso vertreten wie zahlreiche kleinere Unternehmen. Aber auch in anderen Bereichen wird Rumänien für deutsche Unternehmen zunehmend interessant. Aus dem Einzelhandel sind zum Beispiel bekannte Ketten wie Kaufland, Lidl oder Rewe hier aktiv.

Wird Rumänien dabei vornehmlich als „Werkbank“ für deutsche Hersteller wahrgenommen oder werden auch komplexere Aufgaben übernommen?

Der Bereich Forschung und Entwicklung nimmt einen immer größer werdenden Raum ein. Alleine der Automobilzulieferer Continental beschäftigt hier rund 20.000 Mitarbeitende, knapp 40 Prozent davon sind Ingenieure, die größtenteils Entwicklungsaufgaben übernehmen. Und Continental ist kein Einzelfall. Auch bei Bosch gibt es eine große Entwicklungsabteilung mit rund 1.500 Mitarbeitenden in Rumänien, Dräxlmaier entwirft hier innovative Interior-Design-Ideen. Neben dem Manufacturing gewinnt auch die Tech-Branche an Bedeutung: Der Chiphersteller Infineon betreibt hier ein Entwicklungscenter, die Deutsche Bank unterhält einen Technologiehub für Software. Der Bereich Entwicklung wird in Rumänien also bereits gut abgedeckt, aber was die Forschung angeht, sehen wir noch Potenzial. Die AHK setzt sich deshalb für eine engere Verzahnung zwischen den Universitäten und der Privatwirtschaft ein. Unsere neu erstellte Broschüre „F&E-Standorte in Rumänien“ gibt zu diesem Thema einen umfassenden Einblick in die F&E-Szene.

Gibt es bereits einen Fachkräftemangel?

Das ist regional sehr verschieden. Ein Großteil der deutschen Investitionen ist auf den Karpatenbogen, die Universitätsstädte und Gebiete mit einer guten Anbindung an die ungarische Transportinfrastruktur konzentriert. Dort sind Fachkräfte sehr begehrt – entsprechend angespannt ist der Arbeitsmarkt. Wir wollen deswegen verstärkt die Investitionen in Third-Tier-Städte leiten, zum Beispiel in Transsilvanien, wo noch viel Potenzial brachliegt und der Arbeitsmarkt viele Chancen bietet.

Wie kann die AHK da unterstützen?

Wir verfolgen zwei Ansätze: Einerseits bringen wir Universitäten und deutsche Unternehmen zusammen und stärken gemeinsame Projekte. Als zweites Thema konzentrieren wir uns auf die duale Berufsausbildung. Rumänien führte, nach deutschem Vorbild, bereits zu kommunistischen Zeiten ein duales Ausbildungssystem ein. Dieses erfährt seit 2012 eine Wiederbelebung. Hier sehen wir eine gute Möglichkeit, die jungen Leute noch stärker in technische Berufe hineinzubringen, um den Fachkräftepool aufzubauen. Rumänien leistete in diesem Bereich im Vergleich zu anderen Standorten eine sehr gute Aufbauarbeit, davon profitieren die deutschen Unternehmen vor Ort. Von Berufsschulklassen über Lehrpläne bis zu Abschlussprüfungen gibt es ein einheitliches Regelwerk. Aktuell sind bis zu 36.000 Schüler/-innen in dieses Programm involviert. Das unterstützen wir umfänglich, um den Fachkräftemarkt zukunftssicher aufzustellen. Problematisch ist noch die Arbeitsmigration von Rumänien nach Deutschland, aber mit einem steigenden Lebensstandard in Rumänien und besseren Rahmenbedingungen für Familien wird sich diese Situation langfristig sicherlich entspannen – erste positive Ansätze sind da bereits zu sehen.

Rumänien ist weiterhin mit vielen Vorurteilen belastet. Wie stellt sich die Situation für Unternehmen vor Ort dar?

Als EU-Mitglied bietet Rumänien Investoren Rechtssicherheit. Auf der Makro-Ebene gibt es da keine Probleme. Ein Stigma, das immer noch auf dem Land liegt, aber meiner Meinung nach nicht mehr gerechtfertigt ist, betrifft die Korruption. Rumänien hat in diesem Bereich enorme Fortschritte erzielt und wird auch von der EU als Vorbild in Sachen Korruptionsbekämpfung genannt. Die Anti-Korruption-Staatsanwaltschaft verrichtet ihre Arbeit, hochrangige Politiker werden verurteilt und kommen hinter Gitter, die Strukturen bewähren sich. Natürlich bleibt noch immer etwas zu tun, aber mittlerweile gilt Rumänien in Osteuropa als Vorbild und hat wichtige Meilensteine im Kampf gegen die Korruption erreicht. Wer nur in alten Vorurteilen lebt, verpasst die Chancen und übersieht die Fortschritte.

„Denn gerade im Hinblick auf die Nearshoring-Diskussionen im Zuge der Coronapandemie ist Rumänien extrem gut positioniert.

SEBASTIAN METZ
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied
AHK Rumänien

Gibt es auch einen Standortnachteil? In welchen Bereichen muss Rumänien noch aufholen?

Die Transportinfrastruktur ist nach wie vor die Achillesferse. Für die Größe des Landes ist der Ausbau der Autobahn ungenügend. Zwar gibt es auch hier – zum Beispiel in Transsilvanien – bereits gute Fortschritte, aber es bleibt noch viel zu tun. Nach wie vor gilt: Die Anbindung im Süden und Osten des Landes ist absolut unzureichend. Ein zweiter Nachteil sind die Verwaltungen. Während es auf lokaler Ebene meist gut funktioniert, muss die zentrale Verwaltung dringend reformiert werden. Sie arbeitet ineffizient, instabil und unprofessionell. Positiv anzumerken ist, dass die Regierung dieses Manko erkannt hat und große Reformanstrengungen unternimmt, um den Verwaltungsapparat auf Kurs zu bringen. Das muss sie auch deshalb, weil mit dem „Recovery and Resilience“ genannten Coronakonjunkturpaket jetzt enorme Investitionssummen zur Verfügung stehen: insgesamt 32 Milliarden Euro. Dieses Geld muss zügig und zielgerichtet investiert werden, neben der Infrastruktur auch in Bereiche wie Bildung, Gesundheit und Energie. Das kann aber nur gelingen, wenn die Verwaltungsprozesse dahinter funktionieren.

Wie schätzen Sie die mittelfristigen Zukunftsaussichten Rumäniens ein?

Die Coronakrise hat Rumänien nicht besonders hart getroffen. Damit ist das Land jetzt in einer hervorragenden Ausgangslage, um die Chance seines Lebens wahrzunehmen. Denn zusätzlich zum „Recovery and Resilience“-Konjunkturpaket gibt es noch Mittel aus dem alten Finanzrahmen. Wenn diese EU-Fördermittel jetzt richtig – und vor allem auch zügig – investiert werden, dann kann Rumänien enorme Fortschritte erzielen. Wir profitieren hier bereits von relativ stabilen Rahmenbedingungen und einem guten Fachkräfte-Arbeitsmarkt. In Kombination mit der Neuordnung der Supply Chain werden auch deutsche Unternehmen diese Vorteile vermehrt schätzen. Denn gerade im Hinblick auf die Nearshoring-Diskussionen im Zuge der Coronapandemie ist Rumänien extrem gut positioniert. Für mich gibt es deshalb nur ein Fazit: Ich bin sehr positiv gestimmt, was die Zukunft Rumäniens angeht. Sicher steht das Land im internationalen Wettbewerb unter Druck, aber wenn die Verwaltungen hier noch etwas besser aufgestellt sind, haben wir das Gröbste geschafft.

Die AHK Rumänien erstellt regelmäßig umfangreiche Broschüren mit wichtigen wirtschaftlichen Kennzahlen und Informationen über Rumänien. Sie ist für all diejenigen eine hilfreiche und wertvolle Unterlage, die sich für Rumänien als Absatz- und Beschaffungsmarkt sowie als Produktionsstandort interessieren. Die aktuelle Standortbroschüre „Rumänien. Wirtschaftliche Entwicklung” können Sie hier herunterladen.

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