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Wer hätte es gedacht?

Warum uns „mehr arbeiten“ in Deutschland nicht weiterbringt und was dies mit der Lean-Bewegung zu tun hat

Der neue Kanzler Friedrich Merz hat in seiner Rede vor dem deutschen Wirtschaftswart eine Debatte über die Arbeitszeit in Deutschland angestoßen. Als einen wichtigen Punkt aus dem Koalitionsvertrag stellte der Kanzler die Lockerung der strengen gesetzlichen Arbeitszeitregeln heraus. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können“, sagte er unter Applaus der anwesenden Unternehmer und Manager.¹

Der Aufschrei der Kritikerinnen und Kritiker folgte prompt. In der taz war sogar davon zu lesen, dass es auf eine Stunde mehr (oder weniger) gar nicht ankäme: „Ob diese oder jene Statistik, eine halbe Stunde mehr oder weniger, ist völlig egal.“²

Und genau hier setzen meine Gedanken an, sehr geehrte Leserinnen und Leser. Worum geht es? Es geht um den Unterschied zwischen Arbeit und Leistung. Es geht um den Unterschied zwischen einer absoluten und relativen Größe. Die erzürnten Gemüter, die ganz schnell wieder alle Beispiele zur Überlastung aus dem Bereich der Bauindustrie anführten, hatten nicht richtig zugehört.

Der Kanzler sprach auch davon, dass es nötig sei, „wieder mehr und vor allem effizienter“ zu arbeiten.¹

Da ist es: das Stichwort Effizienz. Vielen von Ihnen noch als „work smarter, not harder“ bekannt, soll hier verstanden werden: Mehr „arbeiten“ wird uns in Deutschland nicht weiterbringen. Wir sollten wieder über „Leistung“ nachdenken, bevor wir uns über längere Arbeitszeiten aufregen.

Wenn wir Leistung wollen, dann besteht zuerst der Anspruch, all das wegzulassen, was der Kunde nicht bezahlen möchte. Dabei ist mit „dem Kunden“ auch der Kollege, der Folgeprozess im Unternehmen und natürlich am Ende der Wertschöpfungskette der Verbraucher gemeint. Somit gehören auch die unproduktiven Arbeitszeiten im Büro – nur damit man dem Chef gefällt – hoffentlich der Vergangenheit an.

Im zweiten Schritt gestalten die Mitarbeitenden ihre Prozesse so, dass sie ihr Arbeitsergebnis in der vorgegebenen Zeit erreichen können. In gut organisierten Arbeitssystemen arbeiten Mitarbeitende effizienter.

Der Anteil wertschöpfender Tätigkeiten wird durch Eliminierung von Verschwendung und nicht durch Leistungsverdichtung erhöht.

Mehr Produktivität durch Austausch von Verschwendung gegen Wertschöpfung und nicht durch Arbeitsverdichtung,
d. h. „Reindrücken“ von mehr Arbeit („Muri“ = Überlastung). Nicht mehr arbeiten, sondern das richtige arbeiten.

OV = offensichtliche Verschwendung | VV = verdeckte Verschwendung | WS = Wertschöpfung |KVP = Kontinuierlicher Verbesserungsprozess

Diese beiden Maßnahmen („Unnötiges weglassen“ und „standardisieren“) sind gemeint, wenn von Bürokratieabbau die Rede ist. Die Rahmenbedingungen, damit das passieren kann, sind im Toyota Production System (TPS) beschrieben. Sie erinnern sich an die Grafiken aus Ihren ersten Lean-Trainings?

Verbesserungen entstehen nur unter Leidensdruck, und dieser wird im Arbeitssystem dadurch induziert, dass die Sicherheiten abgebaut werden. Nicht im Affekt und ohne Überlegung. Nein, durch gegenseitige Absprache mithilfe der Unterstützung des Mentors.

Überproduktion und Bestände verstecken Probleme. Die scheinbare Sicherheit wird nur durch Zwang schrittweise abgebaut.

Die Produktion
Das Unternehmen ist mit einem Schiff zu vergleichen, das sich auf einem See von Überproduktion und Beständen fortbewegt.

Bestehende Hindernisse werden vom hohen Wasserstand (Überproduktion und Bestände) verdeckt.

Probleme werden sichtbar, sobald der Wasserstand sinkt.

Ein langsames Senken der Überproduktion/Bestände macht Probleme sichtbar,
die damit zwingend gelöst werden müssen, um die Produktion aufrechtzuerhalten.

Warum Sie das machen? Weil Sie keine Verschwendung in Ihren Prozessen haben wollen. Verschwendung wird nicht weniger, wenn man länger arbeitet – sondern eher mehr. Wir sollten uns fragen, ob die Verschwendung, die Sie heute in Ihren aktuellen Arbeitsabläufen vorfinden, ihr Minimum schon erreicht hat. Denn Sie erinnern sich bestimmt: Es gibt Verschwendungsarten, die sind systemimmanent, und trotzdem sollten sie so klein wie möglich sein.

Sie merken, meine sehr geehrten Leserinnen und Leser, wir stehen immer noch (!) vor den Problemen, die wir bereits in den 90ern von den beiden Bestsellerautoren J. P. Womack und D. T. Jones beschrieben bekommen haben. Sie erklären in ihrem Buch „Lean Thinking. Ballast abwerfen, Unternehmensgewinne steigern“ den Wertstrom, in dem die „3M“ auf ein Minimum reduziert werden sollten: die Überproduktion Muda, die asynchronen (Arbeits-)Prozesse Mura und die Überlastung Muri.

Also steht die Steigerung der Effizienz weiterhin im Fokus. Dies ist schon kompliziert genug, ist doch das TPS in den letzten Jahrzehnten oft falsch verstanden und falsch interpretiert worden. In meinem Podcast „Moden im Management“ gehe ich auf dieses Problem ein. Vielleicht hören Sie dort mal hinein?

Solange Sie keinen Überblick über das Niveau der Verschwendung in Ihren Abläufen haben, nutzt es nichts, sich über die Bedrohung durch längere Arbeitszeiten zu ärgern. Es muss die Frage erlaubt sein, ob in den letzten Jahren die Effizienz gelitten hat und welche Ursachen es dafür gibt.

Um die herauszufinden, braucht es keine aufwendige Technik zur Analyse. Wenn doch, dann ist dies vielleicht ein Hinweis dafür, dass Ihre Prozesslandschaft schon zu kompliziert geworden ist, und es ergeht der Aufruf, sie wieder zu vereinfachen. Daten sind eben nicht – wie oft behauptet – das „neue Erdöl“. Der Vergleich hinkt. Das Erdöl war lange vor dem Menschen in der Erde.

Daten dagegen haben wir selbst geschaffen und tun es immer noch. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass uns der Überblick abhandengekommen ist. Deshalb beachten Sie bitte: Bevor Sie sich mit aufwendigen Algorithmen die Wirklichkeit erklären wollen, erinnern Sie sich an das Gesetz der „5G“: der wahre Ort (Genba), das wahre Objekt (Gembutsu), die wahren Fakten (Genjitsu), die Theorie (Genri) und die Standards (Gensoku). Die finden Sie in der Regel nicht (zuerst) mithilfe der IT, sondern dort, wo Wertschöpfung stattfindet – in der Produktion.

Komplexität ist kein Schicksal. Viele Abläufe haben wir nur kompliziert werden lassen und benötigen deshalb aufwendige Analysemethoden. Sollte die Analyse zu aufwendig werden, kann dies ein Zeichen für „Overprocessing“ sein, also die unangemessene Methode, die am Ziel vorbeigeht. Dazu zählen Organisationsstrukturen, die doppelte Unterstellungsverhältnisse erzeugen, genauso wie Materialflüsse, in denen der Wertstrom aufwendig „gesteuert“ werden muss, weil er regelmäßig unterbrochen wird.

Deshalb möchte ich Sie ermutigen: Lassen Sie sich nicht durch Arbeitszeitdiskussionen verwirren. Eine der ältesten Methoden im Fachgebiet der Arbeitswissenschaften hat auch heute noch ihre Berechtigung. Lean Thinking ist aktueller denn je. Gerade die Methodologie des TPS fordert Sie dazu auf, die Arbeit ressourcenschonend und so einfach wie möglich zu organisieren – auch gerade aus dem Grund, dass Problemlösung möglich bleibt. Dabei steht der Mentee im Mittelpunkt und wird vom Mentor gefordert und gefördert.

Wenn Sie hier ansetzen, dann klappt es auch mit dem Feierabend und die Aufregung über längere Arbeitszeiten wird verstummen.

Quellen

1.) Daniel Zwick, WELT, 15.05.2025, Friedrich Merz: Mit 4-Tage-Woche und Work-Life-Balance können wir den Wohlstand nicht erhalten

2.) Lotte Laloire, taz, 19.05.2025, Arbeitszeit in Deutschland

3.) James P. Womack, Daniel T. Jones: Lean Thinking. 3., erw. und aktualisierte Auflage, Frankfurt 2013, S. 323

Mehr arbeiten‘ wird uns in Deutschland nicht weiterbringen. Wir sollten wieder über ‚Leistung‘ nachdenken, bevor wir uns über längere Arbeitszeiten aufregen. Wenn wir Leistung wollen, dann besteht zuerst der Anspruch, all das wegzulassen, was der Kunde nicht bezahlen möchte
FRANK KRAUSE
Senior Partner – Staufen, part of Accenture
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