

„Wer global handelt, muss auch global denken“
Zollmanagement:Zölle beeinflussen nicht nur die Importkosten, sondern greifen auch tief in globale Wertschöpfungsketten ein. Um langfristige Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sollte Zollmanagement als strategischer Erfolgsfaktor begriffen werden – moderne KI-Lösungen inklusive.
Als US-Präsident Donald Trump am 2. April 2025 seine „Liberation Day Tariffs“ verkündete, löste das an den Börsen weltweit heftige Reaktionen aus, wie es sie seit Jahren nicht mehr gegeben hatte. Dennoch muss man ehrlicherweise sagen, dass auch schon seine Vorgänger im Weißen Haus das Thema Zölle immer wieder nutzten, um damit Politik zu machen. Daneben gibt es aber immer noch weiterreichende bilaterale Freihandelsabkommen, wie etwa den fortschreitenden Mercosur-Prozess zwischen der EU und den südamerikanischen Staaten.
„Die Situation ist extrem dynamisch“, sagt Christoph Tobler, Managing Director im Bereich Supply Chain & Operations bei Accenture. Der Experte für strategisches Zollmanagement beobachtet, dass die Themen „Customs & Duty“ in vielen Unternehmen noch immer isoliert betrachtet werden – eine Sichtweise, die zu kurz greift. „Zolloptimierung wird oft lokal gelöst, wer jedoch global handelt, muss auch global denken“, betont Tobler. Er rät Unternehmen deshalb, ihr Zollmanagement unter strategischen Gesichtspunkten auszurichten und internationale Waren- und Wertflüsse ganzheitlich zu verstehen, um Potenziale zu identifizieren und sie aktiv zu steuern.
Viele Unternehmen im Zoll-Blindflug
Dafür sind vier wesentliche Informationen erforderlich: Zunächst muss Transparenz über die globalen Warenflüsse hergestellt werden. Ein weiterer essenzieller Datenpunkt ist der Wert der Güter, also der Customs Value. Des Weiteren ist der Ursprung eines Gutes (was häufig nicht mit dem Ort übereinstimmt, von dem aus es verschifft wurde) entscheidend. Schließlich ist die genaue Spezifikation erforderlich: Um welches Gut handelt es sich und welche Zolltarifnummer ist ihm zugeordnet? Diese Transparenz ist die Basis dafür, mit verschiedenen Szenarien umgehen zu können und mögliches Optimierungspotenzial auszuloten.
Die Realität sieht jedoch ernüchternd aus: Bei einer Supply- Chain-Konferenz jüngst in Zürich kannten von 130 anwesenden Führungskräften nur drei den globalen Annual Duty Spend ihres Unternehmens. „Dabei handelte es sich um international agierende Firmen, für die dieses Thema absolut relevant ist“, erläutert Tobler.
Annual Duty Spend: die jährlichen Gesamtausgaben
eines Unternehmens für Zölle weltweit. Eine transparente Erfassung ist die Grundlage für die Optimierung und strategische Steuerung der internationalen Supply Chain.

Über die Person
Christoph Tobler arbeitet als Managing Director im Bereich Supply Chain & Operations bei Accenture. Er ist Experte für strategisches Zollmanagement, Zolltransparenz sowie digitale Lösungen für globale Handelsprozesse.
Zolltransparenz ist keine operative Pflicht, sondern ein strategischer Vorteil. Oft entscheidet der Ursprung über den wirtschaftlichen Erfolg eines Produkts mehr noch als der Einkaufspreis der Rohmaterialien.Christoph Tobler
Managing Director, Accenture
Zölle schon im Produktdesign mitdenken
Angesichts wachsender geopolitischer Unsicherheiten empfiehlt Tobler, Zollaspekte bei künftigen Entscheidungen zur Standortwahl, zur Lieferantenauswahl und zum Produktdesign stärker zu berücksichtigen.
„Ein Produkt kann so gestaltet werden, dass es von niedrigeren Zollsätzen profitiert oder sogar unter ein Freihandelsabkommen fällt. Das senkt die Kosten dauerhaft.“
Gerade in Branchen mit niedrigen Margen wie der Automobilindustrie ist diese Denkweise bereits weit verbreitet. In anderen Sektoren wie den Life Sciences oder der Chemieindustrie beginnt ein Umdenken hingegen erst. Dort führen komplexe Ursprungsregeln, regionale Veredelungsschritte oder Lieferkettenverlagerungen zu zusätzlicher Komplexität. Neue Möglichkeiten der Nachverfolgung und Analyse – von reinen Compliance-Plattformen bis zu KI-gestützten Optimierungssystemen – eröffnen jedoch neue Gestaltungsräume.
Es lohnt sich, diese Möglichkeiten auszuloten, denn die finanziellen Hebel sind beträchtlich. Unternehmen könnten beim Einkauf unter Einbeziehung von Zollüberlegungen bis zu 20 % sparen. In Bereichen wie Produktion oder Entwicklung sind derartige Kosteneinsparungen deutlich schwieriger zu erzielen. Experte Tobler schlägt eine moderne Zoll-IT-Architektur vor, die sich aus drei aufeinander aufbauenden Schichten zusammensetzt:
1. Transaktionale Abwicklung
Klassische Plattformen wie z. B. von SAP oder Oracle prüfen Transaktionen auf Compliance-Aspekte und wickeln operative Zollprozesse ab. Dies ist in den meisten Unternehmen bereits seit Langem Standard.
Eine grundlegende Funktion dieser Systeme ist beispielsweise: „Darf Produkt A überhaupt an den Empfänger B geschickt werden oder handelt es sich um eine sanktionierte Partei?“
2. KI-gestützte Datenintegration
Die Daten großer Unternehmen sind häufig an verschiedenen Standorten und in unterschiedlichen Formaten gespeichert. Moderne KI-Lösungen können die Daten zur Auswertung zusammenfassen und externe Entwicklungen einfließen lassen.
Dazu Tobler: „Informationen aus den verschiedensten Quellen werden extrahiert, validiert und in strukturierter Form für Analysezwecke zur Verfügung gestellt.“
3. Szenario-Modellierung
Für die Transformation zu einem strategischen Zollmanagement sind neue Kompetenzen erforderlich. Eine moderne Trade-Funktion muss proaktiv sein und bereits in das Supply-Chain-Design integriert werden. Ursprünglich war die Trade-Funktion sehr reaktiv. Die Experten im Unternehmen wurden nur hinzugezogen, wenn noch etwas unklar war.
Heute gilt laut Accenture-Manager Tobler:
„Der Einkaufspreis eines Rohmaterials ist unter Umständen nicht mehr alleinig entscheidend für eine Einkaufsentscheidung. Es kann sogar das nächstteurere Rohmaterial gewählt werden, wenn der Ursprung so gewählt wird, dass von einem Freihandelsabkommen profitiert werden kann.“
Fazit
Ein strategisch integriertes Zollmanagement stärkt nicht nur die Lieferketten, sondern schafft auch nachhaltige Resilienz in einer Welt, in der sich die Handelsbedingungen von Quartal zu Quartal – teilweise sogar über Nacht – ändern können. Diese Transparenzoffensive sollte in Kombination mit der aktuellen Welle an KI-Use-Cases angegangen werden. Oft kann sie sogar auf bereits vorhandene IT-Umgebungen aufgesetzt werden. Erforderlich ist eine gezielte Kompetenzentwicklung, beispielsweise durch spezialisierte Schulungen. Die aktuelle Zeit der Unsicherheit sollte für den Aufbau der notwendigen Transparenz genutzt werden.
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