Grüner Wandel in der Automobilindustrie: „Hinten in der Zuliefererkette kommt mächtig Druck an“

STAUFEN MAGAZINE 2021 | No. 4 | Studie Green Transformation | Input
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Prof. Dr.-Ing. Gisela Lanza
Institutsleiterin Produktionssysteme

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PROF. DR.-ING. GISELA LANZA
Institutsleiterin Produktionssysteme
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
wbk Institut für Produktionstechnik

DR. THILO GRESHAKE
Partner Automotive
STAUFEN.AG

Im Interview mit Dr. Thilo Greshake, Branchenmanager Automotive bei der Staufen AG, erklärt Prof. Dr.-Ing. Gisela Lanza, wo die Automobilindustrie in Sachen Klimaschutz steht und welche Schritte als nächstes kommen sollten. Die Institutionsleiterin Produktionssysteme beschäftigt sich am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unter anderem mit klimafreundlicher Produktion.

Electric car lithium battery pack and power connections

„Unsere jährlich durchgeführte Studie „Green Transformation in der Automobilindustrie“ zeigt sehr deutlich, wie ernsthaft die Branche das Thema mittlerweile angeht. Gerade für die Zulieferer bedeutet dieser Wandel aber nach wie vor eine enorme Kraftanstrengung.“

DR. THILO GRESHAKE
STAUFEN.AG

Frau Professorin Lanza, unsere Studie „Green Transformation in der Automobilindustrie 2021“ zeigt, dass die Branche auf dem Weg zum grünen Wandel vorankommt. Ist das auch Ihr Eindruck?

Ja, allerdings steht ausschließlich die lineare Ressourcen- und Energiereduzierung im Fokus: nämlich in der Produktionskette vom
OEM bis zum Tier X CO2-neutral zu produzieren und das sauber zu dokumentieren.

Wie gut funktioniert das bereits?

Die Zulieferer sind überrascht, wie schnell das Thema vorangetrieben wird und wie schnell sie jetzt CO2 bilanzieren sollen. Natürlich sind viele darauf noch nicht vorbereitet, unter anderem deshalb, weil es bisher an klaren Standards fehlt, damit nicht Äpfel und Birnen miteinander verglichen werden. Und es muss klar geregelt werden, wer welche Daten liefern muss. Ich bin aber optimistisch, dass das in der Automobilindustrie gut funktionieren wird. Denn es gibt ja in der Branche eine klare Machtpyramide: Wenn der OEM etwas will, drückt er das durch. Es kommt gerade mächtig Druck an, auch hinten in der Zuliefererkette. Da gibt es noch einen großen Nachholbedarf.

Aber gibt es nicht auch immer noch viel Beharrungsvermögen und Skepsis gerade in Bezug auf die CO2-Neutralität?

Ja, weil einigen Unternehmen bei dem Thema vieles unlogisch erscheint. Man darf ja auch nicht außer Acht lassen: Manche Zulieferer erzielen nur ein Ebit von 2 bis 3 Prozent. Die haben keine Zeit, sich um das Thema zu kümmern, für Transparenz beim Thema Energieeffizienz und für Einsparungen zu sorgen. Ihnen geht es erst mal darum, überhaupt zu überleben. Wir müssen uns schon die Frage stellen: Was passiert mit denen, deren Ökobilanz nicht gut aussieht? Haben diese Unternehmen die finanzielle Kraft, hier mitzuziehen? Wie kann man ihnen gegebenenfalls helfen?

Nicht nur für kleine Zulieferer hinten in der Kette, sondern auch für große Firmen stellen die aktuell anstehenden Klimaaktivitäten einen Kraftakt dar. Dabei sind sie doch nur der Anfang, oder?

In der Forschung denken wir bereits viel weiter. Ich beschäftige mich vor allem mit dem Thema Kreislaufwirtschaft. Das Thema Zirkularität ist in den Unternehmen bisher noch nicht wirklich angekommen. Es geht hier beispielsweise um einen Rohstoff wie Lithium. Er wird der Erde entnommen und ist endlich. Aber wollen wir wirklich alles Lithium neu abbauen, das für die Batterieherstellung unverzichtbar ist? Zumindest in den Bereichen Batterie und Brennstoffzelle denken die Unternehmen jetzt über zirkuläre Modelle nach.

Darüber hinaus passiert nicht viel?

Nein, im Vergleich zu den 80er-Jahren bewegen wir uns eher weg von der Kreislaufwirtschaft. Früher war Elektronik noch reparierbar. Jetzt wandert sie auf den Müll, genauso wie Altgeräte. Auch beim Thema Remanufacturing kommen wir nicht weiter. Dabei gehen die Altprodukte zurück in die Fabrik, werden aufbereitet und kommen ins Second Life. Sie sind dann rund 30 Prozent günstiger. Das Ganze spielt sich meist in Billiglohnländern ab, trotzdem lohnt sich das Remanufacturing nur selten. Die Produkte setzen sich nicht durch in Konkurrenz zu Grau- oder Billigprodukten aus Asien.

Wie kann denn eine Kreislaufwirtschaft überhaupt funktionieren?

Geschäftsmodelle ergeben, werden sie auch aktiv. Daher sollte der Gesetzgeber verlässliche Rahmenbedingungen für eine zirkuläre Wirtschaft schaffen, und das muss auf europäischer Ebene geschehen.

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